Herzrasen und pures Adrenalin beim Klettern ohne Sicherung
Tag 106 – Nach der Bootstour sind wir noch zwei Tage in Cat Ba geblieben, um uns ein weiteres ganz besonderes Abenteuer nicht entgehen zu lassen: Deep Water Solo Climbing, sprich Klettern oder genauer gesagt Bouldern (= ohne Sicherung) an steilen Felsen über dem offenen Wasser. Im Gegensatz zum Klettern in der Halle gibt es kein Ziel oder Ende, sondern man klettert immer weiter bis einen die Kraft verlässt, man keine Lust mehr hat, an einer Stelle aufgrund zu hoher Schwierigkeit aufgeben muss oder im schlimmsten Fall abrutscht und fällt. In allen Szenarien ist ein Sprung ins tiefe Wasser die einzige Option.
Wir hatten zuvor durchaus Unsicherheiten und Zweifel hinsichtlich der Sicherheitsbedingungen sowie auch der eigenen Grenze zwischen Mut/Euphorie vs. Angst/Respekt. Trotzdem haben wir uns schlussendlich dazu entschieden, uns auf diesen einzigartigen Adrenalinkick einzulassen. Spoiler: Es hat sich gelohnt!
Es gibt auf der Insel mehrere Tourenanbieter, bei denen man Klettertouren buchen kann. Nach kurzer Recherche haben wir eine Kletterschule gefunden, die sich auf Rockclimbing und Deep Water Soloing in der Halong Bucht spezialisiert hat. Damit war die Entscheidung unabhängig von Preis oder anderen Faktoren getroffen. Zudem haben wir am Tag vorher vor Ort mit einigen der Kletterguides und dem Inhaber gesprochen, die alle einen coolen Eindruck gemacht haben, und passende Kletterschuhe rausgesucht. Da es am nächsten Morgen früh (Treffpunkt 06:45) losgehen sollte, wurden auch im Vorfeld bereits alle notwendigen Dokumente ausgefüllt und die Bezahlung erledigt. Leider hat es am nächsten Morgen so stark geregnet und gewittert, dass die Tour abgesagt werden musste. Wie gut, dass wir bereits losgelaufen und halb durchnässt waren als man uns um 06:30 Uhr die Nachricht geschrieben hat… Naja, zum Glück konnten wir die Tour am nächsten Morgen mitmachen, zeitlich gerade noch passend vor unserer Abreise im späten Nachmittag. Alternativ hätten wir ansonsten auch die gesamten Kosten erstattet bekommen, aber dann natürlich auf das spektakuläre Erlebnis verzichten müssen.
Mit einem kleinen Bus wurden wir zum Hafen gefahren und haben uns dort auf dem kleinen Boot eingerichtet. Die Personenanzahl war bis zum Maximum ausgeschöpft bzw. es sind an diesem Morgen tatsächlich zwei Boote mit jeweils 10 Personen rausgefahren, vermutlich aufgrund des Ausfalls am Vortag. Die Gruppengröße hat dem Erlebnis jedoch in keinster Weise geschadet, im Gegenteil haben wir viele nette Menschen und spannende Charaktere kennengelernt. Die beiden zuständigen Guides waren zwei jeweils kletterbegeisterte Jungs aus Europa (Spanien und Tschechien), die vor einigen Wochen bzw. Monaten hier als Backpacker vorbeigekommen und irgendwie hängen geblieben sind. Nun arbeiten sie eine Zeit lang als Volunteers in der Kletterschule, bevor sie ihre Reise zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen werden.
Wir sind beide weder absolute Anfänger noch Profis was das Thema Bouldern und Klettererfahrung angeht. Während wir beim Rockclimbing in Laos unseren Guide mit unseren Skills überrascht haben, haben wir uns an diesem Tag im Vergleich zu den anderen Teilnehmer:innen doch eher als ziemliche Einsteiger gefühlt. Mit unserem Skill- und Erfahrungslevel gehörten wir zum unteren Drittel der Gruppe. Es war unfassbar beeindruckend einigen der anderen beim Klettern zuzuschauen. Wow! Vielleicht kein Wunder, wenn Bouldern die absolute Leidenschaft ist und man bereits seit mehreren Jahren fast täglich trainiert.
Das Boot hat uns an jeweils dicht an den Felsen herangefahren, und dann musste es schnell gehen: bereit machen, einen guten Handgriff und Fußtritt suchen und bewegungslos festhalten bis das Boot wieder ein Stück weggefahren ist (damit man, sollte man zu Beginn abrutschen, nicht aufs Boot sondern ins Wasser fällt). Sobald das Boot weit genug entfernt war, konnte es losgehen. An der Felswand hängend ist man dann nahezu auf sich alleine gestellt. Eine gemischte Gefühlswelt aus unerklärbaren Kräften, Adrenalin, Stolz über den eigenen Mut, gleichzeitig auch Angst und Sorge vor dem Abrutschen und die Frage was man hier eigentlich macht sowie vielen weitere Dimensionen.
Der gemeinsame Vormittag ist super schnell verflogen. Nachdem wir beide 2-3 mal in der Felswand waren und entsprechend oft ins kalten Wasser gesprungen sind haben wir die verbleibenden Minuten damit verbracht die anderen beim Klettern zu beobachten. Zurück auf der Insel und beim Standort der Kletterschule hat sich die Dynamik ergeben gemeinsam mit der ganzen Gruppe im Restaurant um die Ecke Mittagessen zu gehen. Dabei sind nochmal sehr spannende Gespräche entstanden! Super lange konnten wir jedoch nicht verweilen, da unsere Weiterreise anstand und wir pünktlich zur Fähre mussten.
Das Deep Water Solo Climbing war wirklich ein spektakuläres Abenteuer, von dem wir wahrscheinlich immer noch mit einem funkeln in den Augen und aufgeregt vor Adrenalin der Erinnerungen erzählen.


